Ramona Rüegsegger ist ausgebildete Primar- und Sekundarlehrerin aus dem Kanton Thurgau. Seit einem Jahr unterrichtet sie Französisch an der Schweizerschule in Beijing und auf dem gleichen Campus an der Western Academy of Beijing gibt sie Deutsch und Räume, Zeiten, Gesellschaften. Mit educationsuisse sprach die Enddreissigjährige ausführlich über ihr aufregendes Leben in China, warum sie an der chinesischen Sprache beinahe verzweifelt und wie eine 9-Tage-Woche funktioniert.
Dein erstes Jahr an der Schweizerschule in Beijing ist zu Ende. Wie geht es dir?
Mir geht es super, und es gefällt mir sehr in diesem bis anhin für mich komplett fremden Land. Ich habe echt Spass! Es ist faszinierend, und ich bin jeden Tag aufs Neue herausgefordert. Für mich ist diese Erfahrung unglaublich bereichernd. Eine Horizonterweiterung, die mich regelmässig ins Staunen versetzt. Ich kann unverblümt sagen: Hierher zu kommen war die beste Entscheidung, die ich treffen konnte.
Wow, was für eine Ansage. Woher kommt dein Interesse für die Schweizerschulen im Ausland?
Ich wollte schon immer an eine Schweizerschule im Ausland gehen, einfach weil es mich gereizt hat. Ich reise wahnsinnig gerne und liebe es, fremde Kulturen kennenzulernen. Die ersten vier bis fünf Jahre nach dem Studium arbeitete ich nur als Stellvertretung: Hatte ich genügend Geld beisammen, packte ich meine sieben Sachen und ging reisen – besuchte Sprachschulen, tauchte ein ins Abenteuer.
Nach diesen «Wanderjahren» war ich als Primar- und Sekundarstufenlehrerin an verschiedenen Schulen in vorwiegend kleinen Dörfern im Thurgau fest angestellt. Vom Kindergarten bis zur Berufsschule unterrichtete ich alle Stufen, die letzten Jahre überwiegend meine bevorzugte, die Sek. Und dann plötzlich passten die Lebensumstände und ich nahm das Abenteuer Schweizerschulen in Angriff.
Et voilà, vom Thurgauer Dorf in die Millionenmetropole Beijing. Nebst anderen Sprachen sprichst du auch Italienisch. Warum hast du dich für China und nicht für eine Schweizerschule in Italien, zum Beispiel in der Kleinstadt Bergamo, entschieden?
Hm. Ich habe seit Längerem euren Newsletter abonniert und stiess darin immer wieder auf interessante Angebote sowohl in Europa als auch in Lateinamerika. Nur kenne ich Europa schon sehr gut und Lateinamerika habe ich auch während mehrerer Monate bereist.
Ich suchte nach der grösstmöglichen Challenge, nach der Herausforderung schlechthin. Zudem erzeugt China bei uns in Europa sehr gemischte Gefühle, und ich fand, das ist die Gelegenheit, China mal richtig zu erleben und mir ein eigenes Bild zu machen. In Asien kannte ich gerade mal Japan, das in keinerlei Weise mit China vergleichbar ist.
«Wir haben eine 9-Tage-Woche.»
Ramona Rüegsegger, Lehrerin Schweizerschule in Beijing
Hast du sie gefunden, die grösstmögliche Herausforderung?
Absolut, sie fängt bei der Sprache an und hört bei der 9-Tage-Woche auf. (Lacht) Zur Sprache: Ich gebe mir wirklich unheimlich Mühe, aber Chinesisch ist ein ganz anderes Kaliber als alle anderen Sprachen, die ich bisher gelernt habe (Französisch, Italienisch, Spanisch und Englisch).
Im Moment ist es eher ein Frusterlebnis, weil ich es echt, echt schwierig finde. Und zugleich erachte ich es als derart wichtig und wertvoll, um mit Chines:innen Kontakte zu knüpfen und den durchaus anderen kulturellen Hintergrund besser zu erfassen. Ohne die nötigen Sprachkenntnisse kann ich mich schlecht in den anderen hineinversetzen und sowieso habe ich den Eindruck, wir Europäer:innen können nicht so denken wie die Chines:innen. Zumindest nicht ohne hier aufgewachsen zu sein.
Wie meinst du das?
Ein Beispiel: Bei den Chines:innen ist es ganz wichtig, auf keinen Fall das Gesicht zu verlieren. Das heisst, man sagt nicht direkt, was man eigentlich will. Stattdessen dreht man sich gefühlt ständig um den Kern der Sache und kommt nicht wirklich zum Punkt, damit der andere sein Gesicht wahren kann.
Das erlebe ich immer mal wieder, und sobald ich mit Chines:innen spreche, lege ich eine riesige Gehirnleistung an den Tag, damit ich keinesfalls in ein Fettnäpfchen oder auf ein Minenfeld trete. Auch wenn ich das als Westlerin dennoch ständig tue.
Mit den Lehrpersonen chinesischer Herkunft an der Schule ist das allerdings anders. Sie haben ziemlich genau verstanden, wie wir ticken. Dort ist der Austausch direkter, man sagt auch eher, was man denkt, und kommt auf den Punkt.
Bei den Kindern ist das wiederum kein Thema. Sie sind in einem internationalen Umfeld gross geworden und viele haben schon in anderen Ländern gelebt. An der Schule herrscht ein sehr tolerantes und offenes Klima, das ich wahnsinnig schätze.
Und was genau ist eine 9-Tage-Woche?
(Grinst) Der Stundenplan. Das ist etwas komplett Verrücktes, und ich brauchte echt Zeit, bis ich da durchblickte. Der Stundenplan ist nicht nach Wochentagen geordnet, sondern es gibt immer einen Zyklus von neun Tagen. Der wird durchgezählt und beginnt nach neun Tagen wieder von vorne.
Wenn ich also nach den Sommerferien an einem Montag beginne, dann ist Montag Tag eins. In der darauffolgenden Woche ist Donnerstag Tag eins und so weiter. So hat jede:r Schüler:in immer zu einer anderen Tageszeit das entsprechende Schulfach in Unterrichtsblöcken à siebzig Minuten.
Tag neun ist «unterrichtsfrei», beziehungsweise bietet jede Lehrperson dann zwei Workshops an, für die sich die Sechst- bis Achtklässler:innen einschreiben. Das Workshop-Angebot ist sehr breit, von Nachhilfe in Deutsch und Mathe bis Basketball oder Yoga.
Vom Klassenzimmer zur Freizeit. Wie gestaltest du deine Wochenenden oder Abende?
Ich gehe immer mal wieder allein reisen. Es gibt hier sehr viele Reiseanbieter, die für Ausländer:innen kulturelle Exkursionen auf Englisch anbieten. Dafür bin ich sehr dankbar, denn da bekomme ich so richtig viel mit.
Mit den Kolleg:innen von der Schule treffe ich mich abends oder an den Wochenenden zum Essen, Tanzen oder für ins Kino oder Konzert. Das geschieht oft sehr spontan und unkompliziert. Sie sind aller sehr offen und es sich gewohnt, ich sage jetzt mal – ohne es abwertend zu meinen! – auch «oberflächlichere» Freundschaften zu pflegen.
Das hat bestimmt damit zu tun, dass viele nach einer gewissen Anzahl Jahre weiterziehen und an einer anderen internationalen Schule unterrichten. Und so entdecke ich Beijing mit Kolleg:innen aus den USA, England, Kanada, Singapur, Australien, den Philippinen, Ecuador etc. Das ist jeweils sehr spannend und unterhaltsam!
Trotzdem fehlt mir das enge Miteinander von Zeit zu Zeit. Und ich bin richtig froh, kann ich mich mit Freunden und Familie in der Schweiz per Videoanruf austauschen.
Wie hat dich die Schule beim Ankommen unterstützt?
Also die Unterstützung hätte besser nicht sein können. Schon während des Bewerbungsprozesses telefonierte ich länger mit der Schulleiterin Linda Ninio. Sie beantwortete alle meine Fragen und räumte alle meine Zweifel aus dem Weg.
Ich telefonierte auch mit meiner Vorgängerin, die mir sehr viel Material und Informationen zukommen liess. Seitens educationsuisse wurde ich in administrativen Belangen wie Krankenkasse, Versicherungen etc. ebenfalls sehr gut beraten.
Vom Umzug und der Verschiffung meiner Güter bis zum Visum und Abholservice am Flughafen war alles echt super organisiert. Klar, es ist ein Aufwand und ich hatte viel zu tun, aber mir war immer klar, was ich zu tun hatte und wer meine Ansprechperson war.
Vor Ort bekam ich diverse Buddys: Ein Einheimischer half mir zu Beginn mit Handyvertrag, Internet und Bankkonto. Einen anderen Einheimischen kann ich jederzeit, also 24/7, anrufen, falls ich im Alltag irgendwo anstehe.
An der Schule habe ich natürlich auch einen Buddy: Sie ist aus Polen und lebt seit über sieben Jahren hier. Sie hat mir wahnsinnig viel geholfen und ist auch heute noch für mich da. Ich muss sagen, die Unterstützung ist hervorragend und sehr komfortabel.
Du bist sehr abenteuerlustig, neugierig und suchst die Herausforderung gezielt. Hast du Tipps für Lehrpersonen, die sich für eine Anstellung an einer Schweizerschule im Ausland interessieren?
Es hilft enorm, wenn man offen, flexibel und guten Willens ist und vieles einfach gelassen nehmen kann. Im Ausland ist es anders als in der Schweiz und mit dieser Andersartigkeit gilt es klarzukommen. Es ist nun einfach mal so.
Bei vielen Dingen, über die ich mich in der Schweiz ärgern würde, denke ich heute einfach «O. K.». Ich war noch nie so gelassen und entspannt wie hier und, ja, ich hoffe, dieses Gefühl irgendwann mit in die Schweiz zurückzunehmen. Dann bringt mich nichts mehr aus der Ruhe!
Autorin: Stéphanie Giovannini, Kommunikation educationsuisse