Peru ist eines dieser Länder, über das man vieles zu wissen glaubt. Postkarten zeigen den Machu Picchu, Reiseführer erzählen von Anden, Wüste und Pazifik, und irgendwo dazwischen entsteht die Vorstellung eines Abenteuers: eindrücklich, vielleicht ein wenig chaotisch, sicher anders. Doch schon bei der Ankunft wird klar, dass diese Bilder der Wirklichkeit kaum gerecht werden. In diesem Bericht erzählen verschiedene Lehrpersonen der Schweizerschule in Lima von ihrem Alltag zwischen Struktur und Überraschung – und wie sich Leben, Schule und Perspektiven verändern.
Der Tag beginnt nicht selten im grauen Küstennebel, der sich wie ein Schleier über die Stadt legt. Wenige Stunden später steht man mit Sonne im Gesicht auf einem Surfbrett im Pazifik.
Nach der Schule wird die Kreide gegen Tanzschuhe getauscht, und der Abend füllt sich mit Salsa-Rhythmen, lebendigen Strassen und kleinen, versteckten Restaurants zwischen bunten Marktständen. Lima ist laut und leise zugleich, widersprüchlich und überraschend. Und genau darin liegt seine Faszination.
Sobald ein verlängertes Wochenende naht oder die Ferien beginnen, weitet sich der Horizont fast automatisch. Wege führen hinaus aus der Stadt, hinein in karge Berglandschaften, entlang schmaler Pfade mit Blick auf schneebedeckte Gipfel oder tief eingeschnittene Täler wie den Colca Canyon.
Rucksäcke werden gepackt, Höhenmeter gesammelt. Und manchmal geht es noch weiter, dorthin, wo dichter Dschungel beginnt, warme Luft die Haut umhüllt und die Geräusche der Natur die Stille ersetzen.
Für Lehrpersonen an der Schweizerschule wird Lima damit schnell mehr als nur ein Arbeitsort: Es ist ein Alltag zwischen Struktur, Spontanität und voller Momente, die man so nie erwartet hätte.
Was versteht man erst, wenn man wirklich hier lebt?
- Man beginnt Menschen besser zu verstehen, die aus dem Ausland in die Schweiz ziehen.
- Man merkt, wie tief Wurzeln und Rituale aus dem eigenen Land verankert sind und wie wichtig es ist, teilweise die eigene Muttersprache sprechen zu können, um sich wirklich verstanden zu fühlen.
- Man lernt, mit Gegensätzen zu leben – und sie irgendwann sogar zu schätzen.
- Dass „Süden“ nicht automatisch Wärme und Sonne bedeutet, sondern auch ein halbes Jahr lang feucht, kühl und neblig sein kann.
Lima überrascht mich immer noch mit …
- … seinen versteckten Orten. Wer die Panamericana entlangfährt, ahnt kaum, wie viele schöne Plätze sich abseits der bekannten Wege verbergen.
- … mit seiner unglaublichen Vielfalt an Cafés und Restaurants.
- … mit der Lebensfreude der Menschen, ihren grossen Herzen und ihrer Hilfsbereitschaft.
- … diesem besonderen Licht, vor allem abends, wenn die Stadt in warme Farben getaucht wird.
Mein Alltag hier ist weniger …, dafür mehr …
- … durchgeplant, dafür umso spontaner. Man muss jederzeit bereit sein, Pläne von einer Minute auf die andere zu ändern.
- … stressig, dafür voller Energie, Motivation und deutlich mehr Lebensfreude.
- … kontrollierbar, dafür intensiver und oft überraschend bereichernd.
Was macht Lima so besonders?
- Meine Familie und die Gegensätze, die einem hier auf Schritt und Tritt begegnen.
- Der dichte Verkehr auf der einen Seite, die Nähe zum Meer auf der anderen.
- Die Qualität und Vielfalt der Lebensmittel, man bekommt hier fast alles, was man sich wünscht.
- Die Stadt ist riesig und fühlt sich gleichzeitig klein an, weil man oft in seiner eigenen Zone lebt. Trotz Grossstadt gibt es viele ruhige Rückzugsorte.
- Die Möglichkeit, mit Schülerinnen und Schülern echte Entwicklungs-, Umwelt- und Sozialprojekte umzusetzen, nicht nur zu spenden, sondern konkret etwas zu bewirken und die Resultate zu sehen. Dazu kommt diese besondere Mischung aus Improvisation und Kreativität, mit der täglich Lösungen gefunden werden.
Was würdest du jemandem zeigen, der nur 24 Stunden in Lima ist?
- Das Colegio Pestalozzi, einen Spaziergang entlang des Malecón mit Blick aufs Meer und danach gutes Essen in Barranco. Wenn noch Zeit bleibt: das historische Zentrum rund um die Plaza de Armas, das Barrio Chino oder ein Ausblick vom Cerro San Cristóbal.
- Ein perfekter Tag würde mit einem Jogging entlang der Küste beginnen, gefolgt von Yoga und gutem Kaffee. Danach ein paar Wellen surfen und mittags frisches Ceviche geniessen. Am Nachmittag ins Centro Histórico, Museen besuchen, auf einer Terrasse einen Pisco trinken und über einen farbenfrohen Markt schlendern. Und am Abend: Sushi auf Weltklasseniveau, gefolgt von einer Bar mit Salsa. Und zwischendurch einfach kurz innehalten, um das Treiben der Stadt auf sich wirken zu lassen.
Wann vergisst du im Unterricht kurz, dass du im Ausland bist, und wann wird es dir sofort wieder bewusst?
- Wenn ich die Kinder beim Spielen beobachte, wirkt vieles ganz vertraut. Bewusst wird es mir dann wieder in Konfliktsituationen, vor allem, wenn Sprache eine entscheidende Rolle spielt.
- Wenn wir unter uns Schweizer sind, bis ein Papagei oder ein anderer Tropenvogel mich wieder zurück in die Realität holt.
- Wenn kulturelle Unterschiede plötzlich im Kleinen sichtbar werden, in Reaktionen, Erwartungen oder im Umgang miteinander.
Was hast du hier gelernt, das man nicht planen kann?
- Dass man oft erst am Abend oder am frühen Morgen erfährt, ob am nächsten Tag Homeschooling oder Präsenzunterricht stattfindet.
- Flexibilität ist alles. Tage verlaufen oft ganz anders als geplant.
- Dass Vertrauen ins Ungewisse manchmal wichtiger ist als ein perfekter Plan.
- Der Verkehr ist unberechenbar und man muss immer zusätzliche Zeit einplanen.
Was hat sich verändert, ohne dass du es geplant hast?
- Dass ich immer noch hier bin.
- Eigentlich fast alles: die erste eigene Wohnung, neue Sportarten, eine neue Sprache, neue Menschen, neue Orte und Geschmäcker.
- Der Umgang im Schulalltag, dass mich Kinder beim Vornamen nennen.
- Dass man sich ein bisschen in den Sonnenuntergang und den Blick aufs Meer verliebt. Das ist Etwas, das selbst schlechte Tage besser macht.
- Man wird mutiger, Neues einfach auszuprobieren.
In welchen Momenten merkst du: «Das hätte ich früher anders gesehen»?
- Wenn ich heute gelassener bleibe, wenn nicht alles nach Plan läuft und erkenne, wie wichtig Zusammenarbeit ist.
- Das Thema Haushaltshilfe war etwas, das ich mir früher kaum vorstellen konnte. Insgesamt bin ich flexibler, spontaner und setze Prioritäten anders.
- Ich sehe vieles als weniger selbstverständlich.
Was bringt dich im Unterricht hier zum Schmunzeln?
- Wenn Schülerinnen und Schüler kaum glauben können, dass Kinder in der Schweiz oft allein zur Schule gehen.
- Die Herzlichkeit der Kinder, die Umarmungen und das Winken aus dem Auto.
- Wie wichtig Geburtstagsfeiern sind, sodass selbst Erwachsene wieder ein Stück weit zum Kind werden.
- Die direkte Art und die vielen spontanen, ehrlichen Reaktionen im Alltag.
Gibt es ein Ritual, das deinen Alltag hier besonders macht?
- Der Gedanke, jederzeit ans Meer gehen zu können. Mit dem Fahrrad zur Schule fahren.
- Am Sonntagmorgen mit frischem Kaffee und einem Stück Schweizer Zopf in den Tag starten.
- Einfach der Moment am Abend, wenn man kurz innehält und den Tag bewusst ausklingen lässt.
- Meine Sportroutine ist mir hier sehr wichtig. Ich hatte noch nie die Möglichkeiten so viele Hobbies auszuüben. Hier kann man wirklich alles machen: Surfen, Tanzen, Klettern oder ein neues Instrument lernen.
Was gibt dir im Alltag hier besonders viel zurück?
- Der Arbeitsweg mit dem Fahrrad, dass vieles direkt vor der Haustür steht und abends der Blick aufs Meer bei Sonnenuntergang, oft begleitet von gutem Essen.
- Die Nähe zum Meer als persönlicher Sehnsuchtsort.
- Das Lachen der Kinder, morgens beim Ankommen und nachmittags beim Nachhausegehen.
- Die kleinen, unerwarteten Begegnungen im Alltag und die spontanen Gespräche, die dadurch entstehen.
Dein letzter «Das ist so typisch Lima»-Moment?
- Wenn man bis kurz vor Schulbeginn nicht weiss, ob der Unterricht vor Ort oder online stattfindet.
- Das ständige Hupen und der Verkehr sind eine immer präsente Geräuschkulisse.
- Ein perfektes Ceviche, das einen kulinarisch in den siebten Himmel bringt.
- Die Tatsache, dass hier fast alles repariert wird. Das ist ein schöner Gegenpol zur Wegwerfgesellschaft.
- Dieses Gefühl, dass trotz Chaos irgendwie immer alles funktioniert.
- Diese Gelassenheit im Umgang mit Zeit, die ganz und gar nicht schweizerisch ist.
Lima ist für mich …
- … ein Ort voller Kontraste, der mich jeden Tag aufs Neue überrascht.
- … ein verrückter Ort, der trotz seines Chaos unglaublich schöne Seiten hat.
- … eine riesige Stadt mit noch grösseren Möglichkeiten – hier scheint fast alles möglich. Gleichzeitig fühlt sie sich oft wie ein kleines, familiäres Dorf an, in dem Zusammenhalt wichtig ist.
- … ein Ort, der einen fordert – und gleichzeitig unglaublich viel zurückgibt.
Das hätte ich nie erwartet …
- … wie schnell man sich an diese Mischung aus Unplanbarkeit und Lebensfreude gewöhnt.
- … wie schnell sich ein Alltag entwickelt, trotz aller Unterschiede.
- … wie sehr sich der Blick auf die Welt verändert: Dinge, die früher selbstverständlich waren, erscheinen plötzlich anders.
- … wie stark man sich mit einem Ort verbunden fühlen kann, der anfangs so fremd war.
Wieso entscheidest du dich für Lima?
- Immer wenn ich im Schweizerwinter friere, weiss ich wieder warum.
- Weil ich Südamerika entdecken will, Spanisch lernen möchte und eine neue Welt erleben will und das mit all ihren Landschaften und Facetten.
- Weil Lima mir jeden Tag das Gefühl gibt, noch lange nicht alles gesehen zu haben.
- Ich möchte den Moment mehr genießen, die Welt bereisen und ein Abenteuer leben.
Was läuft hier überraschend «typisch schweizerisch»?
- Raclette an der „Noche de Gala“ oder gemeinsame Mittagessen auf Schweizerdeutsch.
- Auch Dinge wie Pünktlichkeit im Sekretariat oder sauber geführte Absenzenlisten wirken sehr schweizerisch.
- Wenn jemand Zopf oder Schoggistängeli an den Z’Nünitisch bringt.
Autor:innen: Die Lehrpersonen der Schweizerschule in Lima