AgriViva: Auslandschweizerin melkt während Semesterferien Geissen im Engadin

Elisabeth Wittwer ist Auslandschweizerin und machte dank Agiviva ein Kurzpraktikum in der Schweiz.

Die 21-jährige Auslandschweizerin Elisabeth Wittwer ist in Deutschland aufgewachsen und studiert zurzeit in Heidelberg Medizin. Im letzten Sommer war sie einige Wochen in der Schweiz, um auf einem Bauernhof mitzuarbeiten. educationsuisse hat sie zu ihren Erfahrungen bei der Bauernfamilie und ihrer Beziehung zur Schweiz interviewt.

AgriViva vermittelt Jugendlichen Einsatzplätze (Kurzpraktika) auf Bauernhöfen in allen Sprachregionen der Schweiz. Wie haben Sie von AgriViva erfahren?
Schon vor einigen Jahren hatte ich die Idee, einmal auf einer Berghütte oder auf einer Alm auszuhelfen. So bin ich bei einer Internet-Recherche auf die Organisation AgriViva gestossen. Konkret geplant habe ich dann meinen Einsatz im April 2025, also knapp fünf Monate im Voraus. Es war nicht leicht, mich für einen bestimmten Bauernhof zu entscheiden. Angemeldet habe ich mich dann bei einem Bauernhof in Isola bei Maloja im Engadin. Dort hat mich die Bauernfamilie von Diego und Bettina aufgenommen.

Wie lange waren Sie auf dem Bauernhof und wie sah ihr Tagesablauf aus?
Mein Einsatz dauerte drei Wochen, in denen ich vieles erlebt habe. Der Tagesablauf auf dem Hof wurde von den anstehenden Arbeiten bestimmt. Morgens um 7 Uhr stand ich auf und ging zu den Geissen. Schon um halb sechs wurden sie von der Lehrtochter Alina, die ihre Ausbildung zur Landwirtin auf dem Hof macht, von der Nachtweide geholt und ins Dorf getrieben. Bauer Diego, Alina und ich melkten die rund 120 Geissen gemeinsam. Dann spülte ich die Milchkannen und je nach Wetter galt es, den kleinen Gemüsegarten zu giessen.

Danach frühstückten wir alle gemeinsam. Nach dem Frühstück standen unterschiedliche Arbeiten an. Jeden zweiten Tag wurde auf dem Hof Geissenkäse hergestellt. Dann galt es, den grossen Kupferkessel, in dem die Milch aufgekocht wurde, zu polieren, die Käslein, nachdem sie genügend gepresst wurden, zu salzen, das ganze Geschirr abzuwaschen und das Käsehäuschen zu reinigen.

Da Bäuerin Bettina morgens mit der Herstellung des Käses und nachmittags mit dessen Auslieferung an die umliegenden Geschäfte und Hotels beschäftigt war, half ich auch im Haushalt mit.

Die Geissen bewegten sich tagsüber völlig frei in den Bergen und mussten am Abend wieder zum Melken zurück ins Dorf gebracht werden. Manchmal bin ich auch auf die Suche nach vermissten Geissen gegangen. Gegen 18 Uhr haben wir dann mit dem zweiten Melken begonnen.

Und wie gestaltete sich ein Tag ohne Käseproduktion?
An diesen Tagen habe ich nach dem Frühstück die Weidepflege und Zaunkontrolle der Pferdeweide übernommen sowie die Pferde und Esel versorgt. An solchen Tagen blieb manchmal auch etwas Freizeit, die ich mit den Kindern der Familie verbracht oder genutzt habe, um im See zu baden. Ausserdem gab es Arbeiten, die nur hin und wieder anfielen.

Auch bei sehr schlechtem Wetter gab es immer etwas zu tun, wie Futterkrippen mit Heu auffüllen oder den Stall ausmisten und die Wiesen rund um das Dorf einzuzäunen. Kurzum, es gab immer allerhand zu tun. Es wurde niemals langweilig und ich habe die Arbeit überaus gemocht!

AgriViva möchte eine Brücke zwischen Stadt und Land und verschiedenen Kulturen bilden. Wie hat es Ihnen in der Schweiz auf dem Bauernhof gefallen?
Mir hat es unfassbar gut gefallen. Ich bin sehr dankbar, dass ich all das erleben durfte. Vorher hatte ich vom Leben auf einem Bauernhof keine Vorstellung. Es ist etwas ganz Besonderes, mitten in der Natur und in deren absoluter Abhängigkeit zu leben und zu arbeiten. Für mich war es auch eine neue Erfahrung, Menschen kennenzulernen, die sich direkt mit der Arbeit der eigenen Hände ihren Lebensunterhalt verdienen. Ich denke, mir bleiben Erinnerungen, die mich für sehr lange Zeit prägen werden.

Was hat Ihnen am meisten gefallen?
Am allerliebsten habe ich die Weidepflege bei den Pferden gemacht und Geissen gesucht. Bei beiden Aufgaben war man für einige Stunden damit beschäftigt, durch die wunderschöne Berglandschaft rund um das Dorf zu laufen und die Augen offen zu halten. Ich habe das immer unglaublich genossen. Die Natur ist einfach unfassbar schön und ich habe es geliebt, mich völlig frei zu bewegen und die Aussicht und die Landschaft zu geniessen. Die Arbeit mit den Tieren hat mir aber auch sehr gefallen. Besonders die Ziegen sind mir ans Herz gewachsen. Sie sind gutmütige und gemütliche Tiere und das Melken ist auch gar nicht so schwierig, wie ich es mir vorgestellt hatte. Das habe ich auch immer sehr gern gemacht.

Werden Sie auf diesen oder einen anderen Bauernhof zurückkehren?
Ich würde gerne auf einem anderen Bauernhof mithelfen. Ganz sicher möchte ich aber nochmals nach Isola zurückkehren und die Familie besuchen. Am liebsten im Winter, damit ich auch einmal erleben kann, wie der Betrieb im Winter läuft.

Würden Sie Ihren Freunden einen Aufenthalt bei einer Bauernfamilie empfehlen?
Sicher, aber vielleicht nicht all meinen Freunden. Man muss Freude an körperlicher Arbeit haben und bereit sein, bei jedem Wetter draussen zu sein. Auch muss man eine gewisse Offenheit Dingen gegenüber mitbringen, die einem total fremd ist. Für diejenigen, die diese Voraussetzungen erfüllen, wird es aber in jedem Fall eine grossartige Erfahrung sein. Dann kann ich es nur von ganzem Herzen weiterempfehlen!

Können Sie sich vorstellen für eine Ausbildung in die Schweiz zu kommen?
Ich habe meine Ausbildung wie gesagt bereits in Deutschland begonnen, kann mir aber durchaus vorstellen, einen Teil meines Studiums in der Schweiz zu verbringen oder nach dem Abschluss des Regelstudiums für die weitere Ausbildung. Das liegt allerdings noch in weiter Zukunft …

Zum Abschluss möchte ich Sie noch fragen, was Sie mit der Schweiz verbindet.
Zuallererst meine Familie: Meine Mutter ist im Kanton Solothurn aufgewachsen und hat in Basel studiert, bevor sie später zu meinem Vater nach Deutschland gezogen ist. Mein Grossvater, meine Tante und meine Cousins leben in der Schweiz und entsprechend war der Grund für die meisten meiner bisherigen Schweizerreisen ein Familienbesuch. So hat sich die Schweiz auch immer wie ein Zuhause angefühlt.

Ausserdem haben wir auch oft Urlaub dort gemacht: zum Skifahren in Graubünden und gelegentlich waren wir auch in den Sommerferien in den Bergen. Ich liebe es über alles, in den Bergen zu sein und nachdem die Schweiz ein Land ist, wo es viele Berge gibt, ist das sicherlich auch etwas, was mich mit dem Land verbindet. Und dann natürlich der Käse und generell all die leckeren Sachen, die es nur in der Schweiz gibt. Das Schönste daran ist, dass man sie mit nach Hause nehmen kann und so auch dort immer ein Stück „Schweiz“ ist.

Mehr zu AgriViva und mehr zum Beratungsangebot von educationsuisse.

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